Frausein

 Als ich ein Kind war, war ich besessen von den Körpern meiner Altersgenossen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit schaute ich – ungläubig – auf die dünnen Körper anderer minderjähriger Mädchen. Die Ironie ist, dass ich mich nie weiter von dem kleinen Mädchen entfernt fühlte, das ich damals war, als es sich unschuldig umzog, um Sport und Spiele mit anderen Kindern zu genießen, als in der Zeit, in der ich sie tatsächlich war. Nein, ich durfte sie erst viel, viel später wirklich sein. In diesem Moment war ich ein Raubtier, ich jagte mit den Augen eines kranken Mannes und wünschte mir verzweifelt, ihr Körper wäre an mir statt der meine. Ich musste dreiundzwanzig werden bis ich zum ersten Mal eine Gruppe von Mädchen anders sehen konnte – die Hälfte von ihnen von allen Göttern gesegnet mit ihren makellosen Körpern und anmutigen Gesichtern, einer Reinheit, die ausstrahlt, wie man es von der Jungfrau Maria erwarten würde, aber mit einer Seele, deren Aura einen sticht mit einer Kälte, die jahrelange Traumata und Scham erwecken könnte; die andere Hälfte ganz offensichtlich freundliche Seelen, obwohl sie unerwünscht waren und jahrelang von diesem Schicksal gequält wurden, zu viele Narben trugen, um sie zu zählen, sie hatten ihrer Natur genauso übel getan, wie man es ihnen getan hatte – und ich erkannte, dass ihre Fehler dieselben waren und die Empathie, die ich empfand, auch. Sie waren in die Falle des Mädchendaseins getappt, genau wie ich damals, als ich Kinder ansah und mich darüber ärgerte, wie viel mehr sie es wert waren, ausgenutzt zu werden, als ich es war, als wir beide noch Kinder waren. Jeder Schritt, den ich tat, konnte ein loser Stein sein, und ich betrat viele, bis ich verstand, dass ich auf einer Straße ins Nirgendwo war.


Ich hatte nie erwartet, aus der Sexualisierung minderjähriger Körper herauszuwachsen. Ich wusste nicht, dass die Welt, in der ich aufgewachsen war, anders aussehen konnte als die Welt, in der ich in meinen Zwanzigern leben würde. In meinen Augen war ich der Pädophile, während ältere Männer mein einseitiges Verständnis des Problems ausnutzten, das praktischerweise das der ihrigen Seite war. Dass solche Dinge natürlich waren und niemanden verletzten. Dass der weibliche Körper dazu bestimmt war, missbraucht und auf das reduziert zu werden, was ihm in den Augen der Männer seinen Wert verleiht. Dass selbst die Reinsten von uns weiblichen Geschöpfen vor Männern nicht sicher waren, auch wenn sie dadurch würdiger und wertvoller wurden. In dieser Welt war alles, was man für eine andere Frau empfinden konnte Neid oder Mitleid und Männer waren die Geschworenen für dieses Urteil. Nur dass es keinen Hammerschlag gab, der dich erlöste, dir die Chance gab, dein Leben weiterzuleben, jenseits der Entscheidung, die andere in ihren Köpfen über dich getroffen hatten. Nein, es ist wichtig, was ein Mann von dir denkt, und du musst einen Mann finden, der gut von dir denkt, egal ob du zwölf oder fünfundvierzig bist. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich den Nervenkitzel vermisse, in diesem Netz gefangen zu sein, mein ganzes Leben zu ihrem Ideal zu machen. Aber nach einer Weile verlor ich das Interesse und wieder einmal war ich der Bösewicht, ein Kind, das Gott spielen musste mit dem Leben eines armen erwachsenen Mannes.


Ich habe es immer genossen, mich neu zu erfinden. Hochempathische Menschen können sich in viele verschiedene Schuhe stellen. Sie werden oft Schriftsteller, Modebegeisterte und Versöhner in ihrem sozialen Umfeld. Und sie geraten in toxische Beziehungen. Sie lassen Missbrauch und Schmerz zu, sie beugen sich, bis sie brechen, bauen sich immer wieder auf und hinterlassen eine Spur der Zerstörung, die sie als ihre eigene erkennen. Unsere dunkle, kalte Fantasie, um uns von Wahrheiten der Welt fernzuhalten, die noch komplizierter wären. Ich hielt die meine so lieb wie ein heimliches Baby, ich musste es die ganze Zeit füttern, es schlief kaum, weinte immer, aber ich war so verliebt und begierig darauf, meine dunkle Sucht, meinen Eskapismus, zu pflegen. Ich sah das Schlimmste, was Menschen tun konnten, den größten Schmerz, der zugefügt werden konnte. Es ist bei Gott leichter, das Schema zu akzeptieren, mit dem dieser Schmerz gerechtfertigt wurde, als zu versuchen, sinnloses Leiden in ein Weltbild einzuräumen. Es braucht viel Weisheit, sich von allem zu lösen und die ganze Wahrheit im Kopf willkommen zu heißen, ohne zu platzen. Eine Weisheit, die die Fähigkeiten eines Kindes übertrifft. Ja, ich genoss es, mich neu zu erfinden, nur Teile der Wahrheit auf einmal zu leben, nur so viel, wie ich ertragen konnte. Ich hatte mich gerettet, ich hatte Schleier getragen, meinen Körper versteckt. Ich war bereitwillig in alle Rollen geschlüpft, die sie hätten verlangen können. Ich spielte die Jungfrau Maria, ich spielte den Advokaten des Teufels. Ich war ein rücksichtsloser Konsument krimineller Gedanken, ich war der Sheriff und beschützte meine Schäfchen. Ich musste die Dunkelheit sehen, um sie zu bekämpfen, und ich bezeugte, um zu schweigen. Ich war derjenige mit dem Klebeband, der sie festhielt. Ich habe gestohlen und bin entkommen. Nur hielt ich nie die Waffe oder drückte ab, denn die Zeit war abgelaufen, und mein Erwachsensein brachte mehr friedliche Klarheit, als es einer abenteuerlichen Fantasie Schutz geboten hätte. Es gab niemanden mehr, der es mit mir leben würde, denn ich war kein Teenager mehr und keine Jungfrau mehr.


Als nächstes erwartet ihr womöglich, dass ich das Licht in einer Meditation, einer progressiven feministischen Denkweise oder Gott gefunden habe, aber nein. Ich verschwendete einige Zeit damit, mich in allem lustigen und überflüssigen, was die Zivilisation zu bieten hat, zu vergnügen, bis sich mir die kurzfristige Zufriedenheit ganz und gar entzog. Ich entdeckte den Fanatismus wieder und kreiste wie ein Geier über den Überresten der Abenteuer meiner Jugend, in der Hoffnung, den Nervenkitzel der Jagd noch einmal zu spüren. Aber meine Überzeugungen waren verfault, was mir erst so richtig klar wurde, als ich sie in einer Frau sah, die diesen Schmerz lebte und zuließ, dass ihre Tochter und viele andere Kinder denselben lebten. Ein Opfer, aber vor allem bekannt als abstoßende Täterin, die ihr Leben in Fantasien lebte und sie für mich aufschrieb, wo ich sie als meinen eigenen erkannte, als Schmerz, den ich fortführen konnte oder nicht. Ich könnte mein Leben damit verbringen, allen Menschen nur mit Liebe zu begegnen und nicht mit dem Urteil, dem ich unterlegen musste. Ich könnte meine Kanäle für alles wahre öffnen, mich nicht verschließen und Hass schüren. Vielleicht muss ich dann meine Wirklichkeiten, meine Erfahrungen, nicht ganz aus dem Gedächtnis streichen, nicht wegsehen. Das unbeschreibliche Böse ist Teil der Wahrheit, mag es im Schatten geschehen oder nicht. Und es gibt keine Schatten ohne Licht.


Oh, wie ich mich danach sehne, ein Reh zu sein, das durch eine Welt läuft, die ganz grau und natürlich ist. Das Konzept von dem Reinen und dem Bösen würde mich verwirren, wenn ich die Muße und einen Grund hätte, darüber nachzudenken. Ich würde lachen, wenn ich könnte, sollte jemand versuchen, mich auf dessen Basis seinem Willen zu beugen. Sie würden mich in einer Umgebung leben lassen, in der ich einfach meiner Natur folgen kann, und wenn ich deswegen Ärger bekommen würde, wäre es ihre Schuld. Ja, wenn sie mich einvernehmen wollten, müssten sie auf meine Natur achten und das wäre ihre höchste Priorität. Aber hier bin ich eine Frau. Hier ist alles seltsam.


Ähnlich wie das Einhorn, das einst noch vollkommen war, hatte ich gelernt, was es bedeutet, eine Frau in dieser Welt zu sein und gewann eine verwundete Seele. Ich bin nicht wütend. Jetzt weiß ich wirklich, wie wichtig es ist zu lieben und nicht zu hassen. Aber nun muss ich mich in die zurückverwandeln, als die ich geboren wurde. Jetzt habe ich die Kraft, Raum für mich zu schaffen, um zu existieren, zu leben, wie es meine Natur vorschreibt, und dennoch unbekannt in den Massen zu überleben. Und vielleicht bekomme ich die Chance, das Meer zu entfesseln, die Ketten zu sprengen und zu sehen, wie meine Brüder und Schwestern in ihre eigene Freiheit laufen. So stelle ich es mir vor.. in meinen kühnsten Träumen...

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